| |

Neurofeedback bei ADHS – Was es kann, wie es wirkt und was die Wissenschaft sagt

Ein Gastbeitrag von Franziska Wagner, Ergotherapeutin und spezialisiert auf Neurofeedback bei ADHS

ADHS ist ein neurobiologisches Syndrom, das mit veränderten Aktivierungs- und Regulationsmustern im Gehirn einhergeht. Neben Verhaltenstherapie, Coaching und – in vielen Fällen – medikamentöser Behandlung wird seit einigen Jahren auch Neurofeedback als ergänzender Ansatz diskutiert. Besonders häufig kommt das sogenannte ILF HD Neurofeedback nach Othmer zum Einsatz, ein Verfahren, das extrem niederfrequente EEG-Signale zur Unterstützung der Selbstregulation nutzt.

Dieser Artikel bietet eine sachliche, evidenzbasierte Einordnung: Was ist Neurofeedback eigentlich? Welche Formen gibt es? Was weiß man über seine Wirksamkeit bei ADHS? Und für wen kann es eine sinnvolle Ergänzung sein?

Was ist Neurofeedback? Eine verständliche Erklärung

Neurofeedback ist eine spezielle Form des Biofeedbacks. Dabei werden die elektrischen Aktivitäten des Gehirns (EEG-Signale) über Elektroden am Kopf erfasst und in Echtzeit auf einem Bildschirm sichtbar gemacht. Die Person erhält unmittelbare Rückmeldung darüber, ob ihr Gehirn in einem eher übererregten, untererregten oder ausgeglicheneren Zustand arbeitet.

Die Grundannahme:
Durch wiederholte Rückmeldung lernt das Gehirn, seine Aktivität besser zu regulieren – vergleichbar mit einem Trainingsprozess.

Wichtig ist:
Neurofeedback ist kein Eingriff. Es gibt keine Stromstöße, keine Stimulation, sondern lediglich eine Rückmeldung des eigenen Gehirns. Die Regulation entsteht ausschließlich durch das Lernen im Nervensystem.

ILF HD Neurofeedback – die Othmer-Methode:
Was bedeutet das?

Neben klassischen Frequenzbändern (z. B. Theta/Beta-Training) hat sich in den letzten Jahren eine neuere Form etabliert: das Infra-Low-Frequency Neurofeedback (ILF), auch ILF HD Neurofeedback nach Othmer genannt. Kennzeichnend sind:

  • es arbeitet mit extrem niedrigen EEG-Frequenzen
  • die Trainingsfrequenz wird individuell angepasst
  • der Ansatz folgt einem „symptomgeleiteten“ Vorgehen
  • nicht das Signal selbst steht im Fokus, sondern die Reaktion des Nervensystems
  • Ziel ist die Förderung von Selbstregulation und Stabilität im autonomen Nervensystem

ILF-Neurofeedback ist kein standardisiertes Protokoll, sondern ein sehr individualisiertes Verfahren. Das macht es flexibel, erschwert aber gleichzeitig wissenschaftlich saubere Vergleiche.

Warum wird Neurofeedback bei ADHS eingesetzt?

ADHS ist eng verbunden mit Besonderheiten in der neuronalen Aktivitätsregulation, z. B.:

  • erhöhter Grundstress („Hyperarousal“)
  • Schwierigkeiten, Aktivierung angemessen zu steuern
  • Instabilität zwischen Untererregung und Übererregung
  • erhöhte Ablenkbarkeit
  • Schwierigkeiten mit Impulskontrolle und Reizfilterung

Neurofeedback zielt darauf ab, dem Gehirn Rückmeldung zu geben, wann es in einem besser regulierten Zustand ist.

Die Hoffnung: Durch wiederholtes Training kann das Gehirn lernen, diesen Zustand häufiger zu erreichen.

Wie läuft eine Neurofeedback-Sitzung ab?

Eine typische Sitzung umfasst:

  • ein kurzes Vorgespräch
  • das Anbringen von Elektroden am Kopf (schmerzfrei)
  • 20–30 Minuten Training, während die EEG-Aktivität visuell oder auditiv rückgemeldet wird
  • eine Nachbesprechung

Während des Trainings schaut die Person meist entspannt auf eine Animation oder hört veränderte Geräuschmuster, die anzeigen, ob das Gehirn sich in einem stabileren Zustand bewegt.

Ein vollständiger Trainingsprozess besteht häufig aus 20–40 Sitzungen, manchmal mehr.

Was sagt die Wissenschaft?

Die wissenschaftliche Evidenz zu Neurofeedback bei ADHS ist gemischt, aber zunehmend differenziert.

Was gut belegt ist:

  • Es gibt positive Hinweise, insbesondere bei Kindern, dass Neurofeedback Symptomreduktionen erreichen kann (Aufmerksamkeit, Impulsivität).
  • Einige Studien zeigen Effekte, die vergleichbar mit nichtmedikamentösen ADHS-Interventionen sind.
  • Neurofeedback kann das Erleben von Selbstwirksamkeit stärken, weil Betroffene aktiv trainieren, ihren eigenen Zustand zu beeinflussen.

Was (noch) unklar ist:

  • Die Qualität der Studien ist häufig heterogen.
  • Placebokontrollierte Studien zeigen teils niedrigere Effekte.
  • Bei Erwachsenen gibt es deutlich weniger belastbare Daten.
  • Es bleibt offen, welche Methode (klassische Protokolle vs. ILF) tatsächlich am wirksamsten ist.

Wichtig für eine seriöse Einordnung:

Neurofeedback ist kein Ersatz für evidenzbasierte ADHS-Behandlung – weder für Psychotherapie noch für medikamentöse Therapie, wenn diese angezeigt ist.

Es kann jedoch eine ergänzende Option für bestimmte Betroffene sein.

Für wen kann Neurofeedback sinnvoll sein?

Neurofeedback kann insbesondere hilfreich sein für Menschen mit:

  • deutlicher emotionaler oder vegetativer Übererregung
  • Schwierigkeiten, innere Zustände zu regulieren
  • hoher Stressreaktivität
  • Schlafproblemen
  • Nebenwirkungen oder Unverträglichkeit von Medikamenten
  • dem Wunsch nach einer aktiven, lerngestützten Methode

Wichtig ist eine fachkundige, qualifizierte Durchführung – idealerweise durch Therapeutinnen, Psychologinnen oder spezialisierte Ergotherapeut*innen.

Die Grenzen von Neurofeedback

Ein sachlicher Blick zeigt:

  • Es ist kein Wundermittel, das ADHS „heilt“.
  • Es braucht Zeit, Regelmäßigkeit und Motivation.
  • Es ist kostenintensiv, da viele Sitzungen notwendig sind.
  • Die Effekte sind individuell – manche profitieren deutlich, andere kaum.
  • Die wissenschaftliche Datenlage ist solide, aber nicht eindeutig.

Neurofeedback sollte daher immer als Teil eines multimodalen Behandlungskonzeptes verstanden werden.

Fazit

Ein potenziell hilfreicher Baustein – aber kein Ersatz für Behandlung 

Neurofeedback ist ein spannender Ansatz der neuronalen Selbstregulation und zeigt in vielen Fällen positive Effekte – besonders bei Kindern mit ADHS, aber auch bei Erwachsenen kann es ein wertvoller Baustein sein.

Gleichzeitig bleibt es wichtig, die wissenschaftlichen Grenzen zu kennen und die Methode verantwortungsvoll einzuordnen:Neurofeedback kann unterstützen, kann Symptome lindern und kann Stabilisierung fördern – doch es garantiert keine Wirksamkeit und ersetzt keine fundierte Diagnostik oder Therapie.

Kontakt

  • Ergotherpeutin
  • Fachbereich Pädiatrie
  • Fachbereich Neurofeedback

Ähnliche Beiträge